… werden allein an jedem Wochenende im Osnabrücker Dom als Gebetslichter entzündet. Darin kommt die Sehnsucht der Menschen nach Solidarität zum Ausdruck. Gott wird quasi daran erinnert: Vergiss mich und meine Lieben bitte nicht in meiner „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst“ (GS 1), oder in meiner Dankbarkeit. Eine zweite Botschaft steckt in den vielen Lichtern: Ich bin mit meinen Problemen und Anliegen nicht allein.

1200kerzenEs ist gut für eine Stadt oder ein Dorf, solche offenen Orte des „zu-Atem-kommens“ zu haben. Es ist gut für eine Kirche und Gemeinde, feste Zeiten für Gebet, Dank, Lobpreis, Anbetung, Stille ohne die starren Regeln einer Liturgie zu haben. 1.200 Kerzen an nur zwei Tagen machen den Bedarf nach Zuwendung deutlich. Gemeinden könnten das noch viel intensiver aufgreifen, wenn es Gebetszeiten gäbe, in denen ich nicht nur Gebetsstille, sondern das solidarische Gebet einer Schwester, eines Bruders in meinen persönlichen Anliegen erfahren könnte. Ein Ergebnis der Sozialraumanalyse, welche die [Freie Evangelische Gemeinde] für ihr Gründungsprojekt in Osnabrück erstellt hat, ist, dass es überdurchschnittlich viele psychologische Beratungspraxen in der Stadt gibt. Auch dies ist ein Hinweis dafür, dass ein großer Bedarf nach Aufmerksamkeit, Solidarität, Lebensbegleitung, Seelsorge und Sinnstiftung vorhanden ist. Diesem gesellschaftlichen Auftrag kommen die traditionellen Kirchen mit ihren Katechese-Systemen und besonders die kath. Kirche mit ihrer [Fixierung auf die Eucharistiefeier] und der damit verbundenen Hauptamtlichkeit nur höchst unzureichend nach.

Stefan Oster, Bischof von Passau, spricht in einem TV-Interview aus, woran es den traditionellen Kirchen mangelt und in welche Richtung eine umfassende „Bekehrung zur Evangelisierung“ (PP. Franziskus schon 2013 in Evangelii Gaudium Nr. 164 u.a.) gehen müsste. Mittlerweile gibt es in Deutschland einige Bistümer, in denen [missionarische Neuansätze] auf den Weg kommen. Aber selbst in diesen hat ein Großteil der Gemeinden und ihr Personal die Brisanz der Gegenwart und die Anforderungen für die Zukunft der Kirche noch gar nicht begriffen. Hier die Highlights des Interviews:

„Die Kirchen- und Glaubenskrise ist da. Die Transformation, die uns bevorsteht, ist womöglich größer und tiefer als das, was wir die letzten paar hundert Jahre erlebt haben. (…) Was lässt die Menschen in den Glauben tiefer hineinkommen? Da haben wir die letzten Jahrzehnte und vielleicht Jahrhunderte schon eine Art paternalistisches und klerikalistisches System gepflegt, das für alle Seiten relativ bequem war. In volkskirchlichen Strukturen (denen ich viel verdanke) haben wir das Thema „Inhalte“ dem Pfarrer überlassen. Das gläubige, durchschnittliche Volk kümmert sich um die Organisation des Pfarrfestes und des Kuchenbüfetts, aber wenn einer fragt, was man eigentlich glauben kann und wem, dann muss er zum Pfarrer gehen. (…) Der Pfarrer hat das Herrschaftswissen und feiert die Liturgie und das ist auch gut so und das soll er auch haben und auch tun, aber Menschen zu befähigen, zu interessieren, was wir glauben, wem wir glauben, warum wir glauben, auskunftsfähig zu werden, sprachfähig zu werden, ist meines Erachtens das Gebot der Stunde. Eine entscheidende Wende in unserer Geschichte ist, dass sich heute nicht mehr der Atheist rechtfertigen muss, sondern der Gläubige. Die Frage ist: Kann er dies, nachdem wir ihn jahrzehntelang „anders erzogen“ haben?“

„Die Erneuerung kommt aus einer Mitte, einer gläubigen Tiefe, die mich befähigt, ganz weit rauszugehen, weil ich tief im Eigenen stehe und auch weiß, wem und warum ich glaube. (…) Wir haben die Gottesfrage, d.h. die Erfahrung „unser Gott geht mit uns“ aus dem Herzen und aus dem Blick verloren. (…) Unsere Erziehung, die wir in volkskirchlichen Strukturen haben, ist relativ selbstverständlich davon ausgegangen: Ein Kind kommt in einer christlichen Familie zur Welt,  geht in einen katholischen Kindergarten, geht in den katholischen Religionsunterricht, kriegt Kommunionunterricht, kriegt Firmunterricht, geht auch zur Jugendgruppe, geht mal zu Freizeiten, und mit 18/20 Jahren ist das fertig ausgebildete, gläubige Produkt da und kann sich dann in der Kirche engagieren. Wenn wir das Wort „Katechese“ sagen, denken wir nur an Kinder! Die komische Situation ist: Wir haben richtig viel Geld in unserer Kirche, wir haben noch richtig viel Personal, wir haben noch richtig viele Einrichtungen, aber auf die Frage: Wo lernt ein junger, erwachsener, kritischer Mensch heute, und zwar kontinuierlich, was wir glauben, wem wir glauben und warum wir glauben, wo gibt’s Glaubens-Vertiefung? – auf die haben wir keine Antwort! Weil wir gemerkt haben: Das Flächendeckende funktioniert im Grunde so nicht mehr (vielleicht hat es nie so richtig funktioniert…) und für das, was uns wirklich umtreibt, haben wir keine Antwort.“

„Wirkliche Glaubenserneuerung und Glaubensvertiefung hängt immer von einzelnen Menschen ab, die „brennen“! Gott beruft Personen, nicht Strukturen oder Caritas-Einrichtungen. Er schaut, ob da einer ist, der brennt – und der das auch sagen kann, und mitteilen kann, und mit den Menschen mitgehen kann! Davon hängt Glaubenserneuerung ab. Wir haben zu wenig Menschen, die in dieser Weise als Vorbilder unterwegs sind. (…) Je näher ich der Gestalt Jesu komme, persönlich, desto mehr merke ich: Wenn ich ihn wirklich an mich heranlasse, mich wirklich mit ihm auseinandersetze und frage, wer er war und warum er manchmal so wild, so tief, so wahnsinnig, so intensiv den Menschen begegnet ist – wenn ich das an mich heranlasse, dann spüre ich: Ich muss vielleicht mein Leben ändern…! Aber ich will es ja gar nicht! Augustinus sagt mal: „Solange Gott nicht Dein Freund ist, ist er womöglich Dein Todfeind.“ Bekehrung heißt für uns: Wer sitzt auf dem „inneren Thron“? Auf dem „inneren Altar“ meines Herzens? Wer hat darin Prioriät? Mit dem Gebot der Gottes- und Nächstenliebe ist nicht gemeint, dass die Nächstenliebe die Gottesliebe irgendwie mit einschließt, sondern Jesus meint: Gott um Gottes Willen lieben! Und das führt dazu, dass ich den anderen lieben lerne, wie mich selbst. (…) Der Kern von allem ist die Frage: Wer ist Christus? Wie nah lasse ich mich von ihm berühren, faszinieren? Und wie sieht unsere Verkündigung dann aus? Wir reduzieren sie auf Ethik. Das ist nicht Christentum. Christentum bedeutet: Christus ist für Dich gestorben und auferstanden, damit Du von Deiner Sündhaftigkeit und Schuld befreit bist und in eine neue Lebensmöglichkeit findest in Deiner Kirche! Wir sind mit dem Herrn unterwegs und in gewisser Hinsicht ist die Erfahrung der Christen: Wir sind schon daheim. Wir haben jemanden, zu dem wir „Vater“ sagen können. Wir haben schon in Christus jemanden, zu dem wir „Bruder“ sagen können. Bei ihm daheim zu sein befähigt, neu auf die Welt zugehen zu können.“

„Das, was uns wirklich umtreibt“ bleibt im Imperativ stecken. Was uns umtreiben sollte im Missionarisch-Kirche-Sein, dafür gibt es ja Masterpläne, die viele Hauptamtliche gar nicht kennen, weil sie sie nicht gelesen haben. Mir ist das durch die Kontakte und Gespräche mit Katholiken und freikirchlichen Charismatikern während meines „freiwilligen Jahres“ immer wieder sehr deutlich geworden. Ansonsten teile ich die Analyse von Stefan Oster. Nur: Sie wiederholt das, was bereits der Dogmatiker Heribert Mühlen vor 40 Jahren angemahnt hatte! Die deutschen Bischöfe wollten damals von seinem Konzept der Geistlichen Gemeinde-Erneuerung mit einem „Katechumenat für Erwachsene“ nicht viel wissen. Übrig geblieben sind zwar verschiedene Glaubenskurs-Formate, aber mit dem Abschied der kath. Charismatischen Erneuerung (CE) von einer Pastoralstrategie für Gemeinden hat beides zusammen zur Folge gehabt, dass charismatisches Christsein in Deutschland sich in den wenig ausstrahlenden Bereich der Sondergruppen hat abdrängen lassen, und dass der [(neo-)evangelikale Ansatz] von PP. Franziskus beim pastoralen Personal auf Lustlosigkeit, Widerstand und Fundamentalismusverdacht stößt. Umso erfreulicher ist daher die Kehrtwende von Stefan Oster und seiner Freunde in der dt. Bischofskonferenz,  von einer rein ideologisch-ethischen Pastoral zur persönlichen Begegnung mit Jesus Christus als Erlöser und Herrn. Ich bleibe dabei: Nach 40 Jahren macht genau dies den [grandiosen Stillstand] in der Pastoral deutlich, der seitdem die Kirche in Deutschland lähmt.

Wachsende freikirchliche Gemeinden zeigen, dass sie die Zeichen der Zeit schon viel früher, seit der Gründung der [Evangelischen Allianz] begriffen haben. Ihr Programm ist die Begegnung mit Jesus Christus persönlich und auf Augenhöhe: Ein Weg, auf dem ich mich gemeinsam mit anderen über den Glauben auseinandersetzen kann und eine Entscheidung für Jesus treffe. Wo ich lerne, meine Beziehung zu Gott sprachlich auszudrücken. Wo mein bürgerschaftliches Engagement die nötige Energiequelle findet. Dann bekommen auch rituelle Glaubensvollzüge wie das Entzünden eines Gebetslichtes oder die Feier von Gottes Gegenwart in der Versammlung, in Wort und Zeichen eine ganz neue Leucht- und Strahlkraft. Diese Erfahrung teile ich mit allen „burning persons“, die charismatisch im Glauben unterwegs sind.

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Das ganze Interview mit Wolfgang Küpper (45 Min.)