Evangelii Gaudium ist wirklich radikal. Das meint nicht nur Walter Kasper in: Papst Franziskus – Revolution der Zärtlichkeit und der Liebe, Stuttgart (Kath. Bibelwerk) 2015. In Nr. 25 nennt PP. Franziskus sein Schreiben „Programm“. Die Frage des „Spiegel“, was dieser Papst eigentlich wirklich wolle, kann also leicht beantwortet werden. Man muss nur EG gelesen und verstanden haben. Kasper weist darauf hin, dass die Übersetzung „Neuausrichtung“ nur sehr schwach das spanische Originalwort „Conversión“ wiedergibt, und das heißt nun mal nichts anderes als „Bekehrung“, Umkehr, Abkehr vom bisherigen Weg.

„Alle Gemeinschaften“ … sollen dafür sorgen, „die nötigen Maßnahmen zu ergreifen, um auf dem Weg einer pastoralen und missionarischen Kehrtwende (conversión) voranzuschreiten, der die Dinge nicht so belassen darf, wie sie sind.“ (25)

Und das soll bis in den letzten haupt- und ehrenamtlichen Terminkalender hinein wirksam werden:

„Ich träume von einer missionarischen Entscheidung, die fähig ist, alles zu verwandeln, damit die Gewohnheiten, die Stile, die Zeitpläne, der Sprachgebrauch und jede kirchliche Struktur ein Kanal werden, der mehr der Evangelisierung der heutigen Welt als der Selbstbewahrung dient. Die Reform der Strukturen, die für die pastorale Kehrtwende (conversión) erforderlich ist, kann nur in diesem Sinn verstanden werden.“ (27)

PP. Franziskus träumt nicht nur (wie viele von uns auch…), sondern wird nicht müde, den Reformprozess voranzutreiben:

„Die Seelsorge unter missionarischem Gesichtspunkt verlangt, das bequeme pastorale Kriterium des »Es wurde immer so gemacht« aufzugeben. Ich lade alle ein, wagemutig und kreativ zu sein in dieser Aufgabe, die Ziele, die Strukturen, den Stil und die Evangelisierungsmethoden der eigenen Gemeinden zu überdenken. (…) Ich rufe alle auf, großherzig und mutig die Anregungen dieses Dokuments aufzugreifen, ohne Beschränkungen und Ängste.“ (33)

Alle Katholiken, alle Christen sollen dabei sein, mitmachen (119-121) und keine falschen Rücksichten mehr nehmen auf Pastoralkonzepte „vom grünen Tisch“ und sich ausbremsen lassen von pastoralen Profis, seien es Priester oder Pastoralreferentinnen. Gemeindeglieder können und sollen die Zukunft ihrer Kirche im Stadtteil oder Dorf selbst in die Hand nehmen, denn eine Kirche, die nicht mehr evangelisiert, hat keine Zukunft. Evangelisieren ist die „tiefste Identität der Kirche“, das sollten wir schon seit 1975 aus der Enzyklika von Paul VI. „Evangelii Nuntiandi“ (Nr. 14) wissen, und seit 1963 wird Nr. 9 aus der Liturgiekonstitution unterschlagen, wo es heißt:

„In der heiligen Liturgie erschöpft sich nicht das ganze Tun der Kirche; denn ehe die Menschen zur Liturgie hintreten können, müssen sie zu Glauben und Bekehrung gerufen werden. (…) Denen aber, die schon glauben, muss sie immer wieder Glauben und Buße verkünden und sie überdies für die Sakramente bereiten.“

Sakramentalisiert haben wir mit der Gemeindekatechese wohl, aber die Voraussetzung dafür, nämlich auch die Kirchenmitglieder zur Erneuerung von Glauben und Bekehrung einzuladen, das haben wir sträflich vernachlässigt. Nichts anderes als Evangelisierung ist hier gemeint. Den von Kardinal Joseph Höffner 1979 prophezeiten Traditionsbruch (in: Pastoral der Kirchenfremden) haben wir nicht Ernst genommen. Bittere Konsequenz ist der „ideeelle Bankrott“ (FAZ v. 29.12.2014) – nicht nur der katholischen – Kirche in Deutschland.

Fazit:
In die Mitte des Engagements von Ehren- und Hauptamtlichen in der Kirche gehört die Evangelisation als Hauptaufgabe! Menschen zu einer persönlichen Begegnung mit Jesus einzuladen (Erstverkündigung, „Kerygma“) muss „die Mitte der Evangelisierung und jedes Bemühens um kirchliche Erneuerung bilden.“ (164) Solange das nicht passiert ist, läuft die Sorge um die Feier der Eucharistie (Quelle und Höhepunkt, nicht Mitte kirchlichen Handelns!) und um die dafür erforderlichen Dienste von Priestern ins Leere. Gemeindestrukturen, die nur diese Ziele gewährleisten wollen, haben ausgedient. Fusionierte Großpfarreien, die nicht eine Kehrtwende (Conversión!) zum Kern ihres Auftrags machen, nämlich sich missionarisch auszurichten und ein Evangelisationskonzept zu erstellen, sind „tote Pferde“, die zu reiten keinem Gemeindeglied mehr zugemutet werden darf (vgl. EG 27). Was die (katholische) Kirche braucht, ist nicht nur Change-Management, sondern ganz neue Gemeinden (Ekklesien) mit entschiedenen Christen, die eine „personale Gemeinschaft mit Jesus und mit Schwestern und Brüdern“ pflegen und „deren Glaube in der Liebe tätig wird“ (Christian A. Schwarz). Jesus braucht Dich und mich!

[Interview mit Christian A. Schwarz], der zusammen mit seinem Vater Fritz als einer der ersten „Gemeindeaufbau“ als Leitlinie der Pastoraltheologie systematisiert hat [siehe Literatur].

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