Nein, es ist nicht der „Berg der Verklärung“, auf dem alles in rosigem Licht leuchtet, der mich zu meinem Entschluss geführt hat. Beim Auswertungsgespräch nach dem [Charismen-Seminar] sagte mir der Pastor: „Glaube nicht, dass bei uns alles Friede-Freude-Eierkuchen ist. Du wirst auch die Kehrseite der Medaille sehen und an unsere dunklen Seiten kommen.“ Ich finde dies sehr ehrlich. Aber meine selbst verordnete „Probezeit“ während des [Ostergartens] ist halt sehr positiv verlaufen und ich sehe keinen Anlass, den eingeschlagenen Weg wieder zu verlassen.

Eigentlich sind unter [fresh expressions of church] neue kirchliche Verkündigungs-, Gemeinschafts- und Organisationsinitiativen zu verstehen, die außerhalb des pastoralen Mainstreams der Pfarrseelsorge und Gemeindearbeit voran gebracht werden. Sie sollen nachhaltig und keine befristeten Einzelprojekte sein. Daher war der Ostergarten keine solche „fresh-X“. Aber diese Ortsgemeinde an sich ist für mich persönlich eine fresh-X. Warum ist sie nicht nur für mich so anziehend?

  • Hier treffen sich ca. 200 Leute zum Sonntagsgottesdienst, die bewusst auf der Suche nach Lebensorientierung sind, oder die eine persönliche Entscheidung für ein Leben mit Jesus getroffen haben (EG 3) und auch in der Lage sind, davon zu erzählen;
  • hier feiern Menschen von 0 bis 80 jeden Sonntag den Gottesdienst mit,
    größte Altersgruppe sind 25-50-Jährige, meist mit ihren kompletten Familien;
  • hier wuseln an die 80 Kinder jeden Sonntag durch die Gruppenräume und feiern in vier Altersgruppen, von katechetisch vorbereiteten Jugendlichen und Erwachsenen geleitet, parallel ihren Kindergottesdienst;
  • die Gemeindegottesdienste folgen keiner liturgisch festen Form. Sie haben eine „Anlaufzeit“ mit Begrüßung, Einführung ins Thema, Infos und Vermeldungen, Gebet und Gesang auch eines traditionelleren Kirchenlieds. Die Predigt (30 Min. inkl. Bibeltext(e) orientiert sich nicht an einer vorgegebenen Leseordnung, sondern an Themen, die vom Gemeindeleitungsteam als „jetzt dran“ eingeschätzt werden;
  • wichtig und anziehend empfinden die Mitfeiernden die „Lobpreiszeit“ (das Gloria der Liturgie…), bei der mehrere moderne Lob- und Anbetungslieder hintereinander gesungen werden, die von einer der Bands moderiert und begleitet werden, dabei darf der ganze Körper mit Bewegungen und Gesten beteiligt sein;
  • diese mündet meist in freies Gebet der Gottesdienstteilnehmer/innen, das vom Leiter oder der Leiterin zusammengefasst und abgeschlossen wird (die Collecta bzw. das Tagesgebet der Liturgie);
  • den Schlussteil bilden das Vater-Unser, der Segen und die eigene Vertonung der Jahreslosung, die als Segenslied an jedem Sonntag gesungen wird;
  • hier gibt es alle zwei Wochen im Anschluss an den Sonntagsgottesdienst ein offenes Angebot persönlicher Seelsorge mit Einzelsegnung durch geschulte Gemeindemitglieder. Jede/r mit seinen persönlichen Fragen, Sorgen, Nöten und Bitten wird ernst genommen;
  • hier wird jedes Jahr ein Glaubenskurs für Sinnsucher gehalten, sowie ein Mitgliedschafts- und Taufseminartag;
  • hier beteiligt sich die Gemeinde als Mitglied der Evangelischen Allianz in der Stadt an öffentlichen Evangelisationsaktionen;
  • hier hat die Gemeinde eine kleinräumige Unterstruktur in vielen Hauskreisen und Gebetsgruppen, in denen besonders die Bibellese und das Fürbittgebet gepflegt werden.

Wesentliche Bestandteile des „Geheimnisses“, das diese Gemeinde vom Großkirchlichen unterscheidet und das auch ihre Anziehungskraft ausmacht, sind der erste und letzte Punkt: Die intensiven persönlichen Beziehungen, zu Jesus und zu den Schwestern und Brüdern, die das starke Potenzial dieser Gemeinde bilden. Mit das erste, was ich gelernt habe, war: „Wir sind eine Duz-Gemeinde“. Konflikte wiegen darum umso schwerer, und die [Jahreslosung 2015] ist eine Herausforderung für alle, denen die geistliche Einheit in dieser Gemeinde am Herzen liegt. Nicht nur in diesem Punkt ist auch die Andreas-Gemeinde eine ständige Baustelle.

Die [Andreas-Gemeinde] hat ein evangelikal-charismatisches Profil, ohne die Kraft, die Früchte und die Gaben des Heiligen Geistes durch den exklusiven Trichter einzelner spektakulärer Charismen hindurchzuschleusen. Sie gehört zum kleinen „[Mülheimer Verband] freikirchlich-evangelischer Gemeinden e.V.“, der „Mutter“ der charismatischen Bewegung in Deutschland, die um 1905 in Mülheim an der Ruhr ihren Anfang nahm und sich seit Ende der 60-er Jahre mit vielen Gemeinschaften und Werken bis in die Großkirchen hinein verbreitet hat.

Warum also ausgerechnet diese freikirchliche Gemeinde bei mir „ins Spiel kommt“, hat auch schon Christian Hennecke beschrieben, [und zwar u.a. in seinem Blog].

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