„Freikirche? Aber die sind doch evangelikal…“ bekomme ich oft zu hören. In der postmodernen Gesellschaft des Jahres 2015 sind die verschiedenen Konfessionen ein Grundübel, welches der Glaubwürdigkeit der Botschaft und des Lebens von uns Christen im Wege steht. Dabei noch die katholischen Riten, Orden und Verbände und die evangelischen Feinheiten und Gemeinschaften zu differenzieren, macht es nicht einfacher. Dennoch ist diese Vielfalt eine Chance gerade für die Postmoderne. (Mehr dazu auch [hier].)

Aber wir müssen Abschied nehmen von den gegenseitigen Zerrbildern, die immer noch unser Denken bestimmen! Hier im weltweiten Internet geht es bis zu zynischer Ablehnung, Verschwörungstheorien, Verteufelung, ja blindem Hass bei Leuten, die die Realität nicht sehen wollen, und zwar auf beiden Seiten! Wenigstens auf offizieller Ebene dürfen wir Respekt und seriöses Informiertsein erwarten über die Glaubenshaltung der benachbarten christlichen Gemeinschaften und Schwesterkirchen. In den „Arbeitsgemeinschaften christlicher Kirchen [ACKs]“ auf Regional- und Bundesebene mit ihren regelmäßigen Treffen, Projekten und Veranstaltungen lässt sich Kommunikation einüben. Leider machen nicht alle mit.

Um es kurz zu machen: Evangelikal heißt nicht fundamentalistisch!

Schon in der Entstehungszeit evangelikaler Theologie brachte nach der Reformation die Beschäftigung mit der Spannung zwischen Frömmigkeit („Pietismus“) und Engagement („Mission“) einen erweiterten Horizont, der seine Wirkung durchaus überkonfessionell entfaltete. [Zinzendorf] kannte „Die Nachfolge Christi“ von Thomas von Kempen (1418) und die damalige Leitung der Herrnhuter Brüdergemeine (ohne „d“) hat auch Kontakt mit Papst Innozenz XIII. gehabt (leider sehr oberflächlich). Im 19. Jhdt. nahm diese Entwicklung mit den Gemeinschaftsbewegungen und ersten Freikirchen auf evangelischer Seite und den Ordensgründungen und Klosterbesiedelungen auf katholischer Seite ihren Fortgang. Im 20. Jhdt. ist das Motto „Kampf und Kontemplation“ der von der ökumenischen Mönchsgemeinschaft in Taizé ausgehenden Jugendbewegung der Versuch, die gesellschaftliche Dienstfunktion des Glaubens zu erklären und zu leben. Parallel zur „anthropologischen Wende“ in der nachkonziliaren kath. (und auch ev.) Theologie [Gaudium et Spes] entsteht ab 1967 mit der Ausbreitung der Pfingstbewegung in alle Kirchen hinein ein „theozentrisches“ Planetengetriebe. Beide Kräfte sind Bestandteil kirchlicher Grundfunktionen überhaupt und darum unverzichtbar!

Evangelikal in diesem Zusammenhang heißt: Am Evangelium Jesu Christi orientiert, biblisch fundiert. Propagiert wird der Heilige Geist, nicht der Zeitgeist. Nun lautet die Kernaussage des Evangeliums (das sog. Kerygma – „Botschaft“) in den Worten von PP. Franziskus:

„Jesus Christus liebt dich, er hat sein Leben hingegeben, um dich zu retten, und jetzt ist er jeden Tag lebendig an deiner Seite, um dich zu erleuchten, zu stärken und zu befreien.“ (EG 164)

Diese Erstverkündigung zielt nicht auf ein intellektuelles Fürwahrhalten von ideologischen Behauptungen ab, sondern auf eine persönliche Begegnung mit dem Geist Gottes in Jesus. Befreiung von Schuld und Sünde, der wir im Alltag ständig ausgeliefert sind, ist ein Geschenk, dass aktiv angenommen werden möchte – oder dessen Annahme ich in aller Freiheit verweigere. In Evangelii Gaudium liegt uns in Nr. 3 eine leidenschaftliche Einladung vor
„noch heute“ (also bis 24 Uhr!) die „persönliche Beziehung mit Jesus Christus zu erneuern oder zumindest den Entschluss zu fassen, sich von ihm finden zu lassen, ihn ohne Unterlass jeden Tag zu suchen.“
Christen sind Menschen, die eine persönliche Beziehung zu Jesus pflegen und deren Glaube in der Liebe tätig wird. Evangelikale Sprache ist auch im spirituellen Schrifttum katholischer Autoren/innen zu finden, z.B. bei Henry Nouwen, Chiara Lubich, Anselm Grün u.a.

Ja, es ist ein evangelikaler Schulterschluss in der Argumentation von PP. Franziskus vorhanden, und inzwischen mehrere inoffizielle Treffen mit Mitgliedern der Internationalen Evangelischen Allianz oder die Besuche bei Pfingstlern und Waldensern belegen es.

Zwei Jahre nach Erscheinen des „Programms für die nächsten Jahre der Kirche“ (EG 25) stellt sein Verfasser in der Umwelt- und Sozialenzyklika „Laudato si’“ in Nr. 3 lapidar fest, dass sein 2013 in Gang gesetzter Reformprozess immer noch ausstehe. „Mixed economy“ ist offensichtlich der einzig realistische Weg, Kirchengemeinden am Evangelium orientiert zukunftsfähig zu machen.

(aktualisiert am 12.12.2015:)
Zum Abbau von Zerrbildern haben Johannes Hartl und Leo Tanner mit ihrem Buch „Katholisch als Fremdsprache – einander verstehen, gemeinsam vorwärts gehen“ einen bemerkenswerten Brückenschlag versucht [siehe Literaturliste].

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