So soll es zugehen, wenn Christen zusammenkommen, bei Gottesdienst und Engagement. Mündig hat etwas mit dem Mund zu tun. Das offene Wort am passenden Ort. Wann nehmen Gemeindemitglieder ihr Profil und Programm selbst in die Hand, anstatt auf Priester und Hauptamtliche zu warten? Sind wir kreativ und mutig, das als richtig Erkannte auch gegen Widerstände von erneuerungsresistenten Pastoralteams durchzusetzen? Der ranghöchste Katholik jedenfalls hat den „Reformprozess in Gang gesetzt“, über den er in der Umwelt-Enzyklika „Laudato Si’” lapidar feststellt, dass er „immer noch aussteht” (LS Nr. 3). „Immer noch“! Was ist in den letzten zwei Jahren seitdem in der Kirche passiert? Was haben wir (wir!) in Deutschland inzwischen zum Guten wenden („bekehren“) können? Die Kehrtwende („conversión“) scheint eher ein freikirchliches Proprium zu sein. Evangelikale Gemeinden wachsen, langsam aber stetig – spirituell, gesellschaftskritisch, und zahlenmäßig auch.

Nicht nur die Predigt, die Ansprachen, Auslegungen und Bezeugungen sollen alltagstauglich sein, unser Glaube insgesamt soll sich im Alltag bewähren. Der Alltag von Montag bis Samstag ist die Nagelprobe für unsere Überzeugung und Werthaltung. Der Alltag ist der Ernstfall, die Mitte. Die Menschen, denen wir begegnen und mit denen wir zu tun haben auf der Arbeit, in der Schule und in der Nachbarschaft, sind die Mittler, bei denen wir Gott finden können (Mt. 25, 35-45). Sie sind am wichtigsten. Der Sonntags-/Abendmahls-/Eucharistiegottesdienst ist „Quelle und Höhepunkt“ (LG 11). Basis und Ziel sind etwas anderes als die dazwischen liegende Mitte. Predigen kann motivieren, lehren, anleiten, ermutigen, anspornen. Verkündigen ist zunächst einmal Reden. „Wes des Herz voll ist, des läuft der Mund über.“ (Mt 12, 34; Lk 6, 45) Der Glaube will aber getan werden. Sein Ort ist weniger der Gottesdienst, sondern mein Alltag.

Nein, Gottesdienste werden nicht „gehalten“. Schon gar nicht „abgehalten“. Eher werde ich abgehalten, mitunter, vor lauter Ernst und Würde. Wer „hält (mich) ab“? Wer „zelebriert“? Zelebranten sind sowieso immer weiblich, denn es ist die versammelte Gemeinde, die hier tätig teilhat, unter Vorsitz ihres Bischofs oder Pastors. Bei Evangelischen und Altkatholiken darf das auch eine Frau sein. Etwas moderner steht dann  in der Presse: Gottesdienste „finden statt“. Nein: Grundsätzlich werden Gottesdienste gefeiert! Die Anwesenheit Gottes in seiner Welt und Gottes Dienst an uns ist ein Grund zum Feiern! Und eine Feier, in der es nicht fröhlich zugeht, ist ein ziemlich widersprüchliches Ereignis. „Vor sauertöpfischen Heiligen bewahre uns, o Herr“ soll Teresa von Avila gebetet haben. Und auf den Nihilisten und Atheisten Friedrich Nietzsche geht der Ausspruch zurück: „Erlöster müssten mir die Christen aussehen, dann könnte ich ihrer Botschaft auch glauben“. Vielleicht gelingt das heute besser als im 19. Jahrhundert. Aber ist es in unseren Kirchen wirklich so? Wissen wir uns in Gottes Hand geborgen und können wir so fröhlich und getröstet aus dem Gottesdienst in unseren Alltag gehen? Besteht unsere Lobpreiszeit lediglich aus einer Strophe „Allein Gott in der Höh sei Ehr“ (EGB 179, GL 170) und das war’s dann? Besteht unser Dank aus „gesammeltem Schweigen“ (Heinrich Böll), nachdem wir sogar lautstark aufgefordert werden, unserem Herrn und Gott zu danken, und wir auch noch antworten „das ist würdig und recht“ – und dann kommt aus der Gemeinde – nichts? Dann hätte der/die Vorsteher/in eigentlich ja auch nichts zu bestätigen… Wenigstens ins „Heilig“ dürfen wir dann wieder einstimmen, immerhin, sofern uns ein Chor dies nicht auch wieder aus der Hand nimmt. Aber es ist wahr: Ein aufgesetztes „Wir feiern heut ein Fest, weil Gott uns alle liebt“ ist ebenso wenig glaubwürdig wie eine todernste Liturgie. schulgodi-a6Ein bitterernster Glaube und ein Alltag ohne das „Lachen der Heiligen und Narren“ (Helmut Thielicke, Herderbücherei 491) überzeugen niemanden vom Wert der Freundschaft Gottes zu uns Menschen. „Freut euch im Herrn“ (Phil. 4, 4)! Freude und mit Jesus zu leben gehören einfach zusammen. Nicht ohne Grund heißt das „Programm für die nächsten Jahre der Kirche“ (EG 1+25) Evangelii Gaudium!