1. Kirche ist mehr als die Zielgruppe,
als die sich die deutschen Katholiken gerne sehen dürfen. Der [Brief von PP. Franziskus vom 29.06.2019] ist aber nicht nur an die römischen Katholiken Deutschlands gerichtet, sondern „an das pilgernde Volk Gottes in Deutschland“ gerichtet. Zum gesamten Volk Gottes gehören alle Getauften, „alle Menschen, die zum Heile berufen sind“ (Schlussabschnitt von Lumen Gentium 13). Das bedeutet, dass der beabsichtigte „synodale Weg“ des deutschen Katholizismus die ökumenische Breite des kirchlichen Lebens nicht vernachlässigen darf. Volk Gottes sind eben auch Evangelische, Orthodoxe und Freikirchliche, die alle ihr Profil und ihre Charismen für den zukünftigen Weg der gesamten Kirche in Deutschland einzubringen haben.

2. Evangelisation ist mehr als neuer Klerikalismus.

Papst und Evangelikale beten gemeinsam.

Einmal mehr hebt PP. Franziskus den Grundauftrag aller dieser Kirchen hervor, nämlich zu evangelisieren und „Jünger zu machen“. Er muss im „synodalen Weg“ absolute Priorität haben! In den nunmehr sechs Jahren seit „Evangelii Gaudium“ haben es die hochstudierten und gut bezahlten Pastoralteams nicht vermocht, aus der Programmschrift dieses Papstes eine pastorale Handlungsstrategie für ihre Gemeinden zu entwickeln und anzuwenden, von wenigen Ausnahmen abgesehen. Modelle wie „Kirche der Beteiligung“ reagieren „top-down“ eher auf den Priester- und Gemeindeleitungsmangel, als dass sie die missionale Sendung der Gemeinden auf allen Ebenen als erlebbaren geistlichen Prozess entfalten.

Wer in den Leitungsteams und Gremien der (nicht nur) katholischen Gemeinden die [Vision von „Evangelii Gaudium“] und die [Leitlinien in „Gemeinsam Kirche sein“] immer noch nicht gelesen, begriffen und verinnerlicht hat, wird die Intention des Papstbriefes gar nicht verstehen können. Das „geteilte Echo“ in Deutschland markiert sehr deutlich diesen „törichten Teil“ unter den Katholiken. Unter ihrer Ägide wird sich das sinkende Schiff „Deutscher Katholizismus“ immer nur weiter im Kreise um sich selbst drehen und dem drohenden gesellschaftlichen Untergang immer näher kommen. Für mein persönliches Engagement ein „no go“.

3. Anbetung ist mehr als Gebetsstille vor der Monstranz.
Das Herz der Evangelisierung ist das Gebet. Alle Erneuerung der Kirchen und der Gesellschaft fängt mit Beten an: in allen Familien, Gruppen, Verbänden, Gemeindekirchen und Multisite-Pfarreien, zu jeder Zeit, an allen möglichen und unmöglichen Orten (z.B. in den Ringlinien der Verkehrsbetriebe…). Anbetung Gottes, wie sie PP. Franziskus in seinem Brief propagiert, „weil wir ihm unendlich wertvoll sind“ braucht keine Gebetsformeln, keine fremdverfassten Texte, keine Bindung an eine zuvor gefeierte Eucharistie mit ihrem Weiheamt. Anbetung Gottes braucht Hingabe, Herz-Ausschütten und kindliches Staunen, gerne in eigenen Worten. Anbetung in Stille ist eine Form unter vielen Möglichkeiten, Christi Gegenwart im Zeichen des Brotes ist eine Form:

…und: „Lass uns eben beten!“

Mich persönlich von ihm ansprechen zu lassen im Hören oder Lesen auf sein Wort ist mindestens genauso wertvoll, und zu zweit, zu dritt (oder mehr) in seinem Namen versammelt zu sein und meine Beziehung zu Gott für andere vernehmbar zu äußern, ist die einfache Verheißung der Gegenwart des Auferstandenen unter uns. Hier können Katholiken noch sehr viel lernen. In meinem [Gemeindeverband] ist es eine oft und immer wieder völlig unkompliziert gelebte Praxis.

Fazit:
Eine Engführung des „synodalen Wegs“ auf die Zeitgeist-Themen wie Frauenweihe und Zölibat ist ein Herumkurieren an den Symptomen des Glaubensverlustes und trägt wenig zu dessen Ursachenbekämpfung bei – eine „Re-Klerikalisierung“ der pastoralen Strukturen braucht die Kirche jetzt am allerwenigsten!

Gottlob gibt es Freikirchen, die diese Problematik längst hinter sich gelassen haben – indem alle ihre Mitglieder, durch die Taufe Christus gleichgestaltet (Röm. 8, 29; 2. Kor. 3, 18),  „in persona Christi capitis“ handeln und leben (1. Petr. 2, 9; 2. Kor. 5, 20). Aus ihnen sind sogar [Erneuerungsbewegungen in den Traditionskirchen] entstanden. Sie haben das Zeug, das gesamte Volk Gottes auch in Deutschland mit Hilfe des Heiligen Geistes vor dem spirituellen Bankrott und dem gesellschaftlichen Aus zu bewahren, und das mit geballter missionarischer Kompetenz und hoher unternehmerischer Professionalität. Solange deutscher Katholizismus und evangelischer Kulturprotestantismus sich angstvoll um ihren eigentlichen Grundauftrag der Mission vor ihrer Haustür herumdrücken, solange haben Freikirchen und ihre Derivate ihre unbestreitbare Legitimation vom Herrn der Kirche, der ja der „eigentliche Pastor“ (Joh. 10, 14) einer jeden Gemeinde ist. Hier wird die Sakramentalität der Kirche zwar weniger explizit gelehrt, hier wird sie gelebt!