Was für ein Kontrast zum Seminar [„Jesus heilt“] in der Nachbargemeinde! Houtan berichtet von Zeichen und Wundern, vom Heilungs-Charisma, das er in seinem Dienst als Jugendpastor im Überfluss ausübt. Er lädt die Teilnehmer zum Segnungsgebet ein, bei dem er eine Art Effata-Ritus ausübt (hier aber gem. Joh. 20, 22), den Katholiken von der Taufe kennen (sollten). Manche sinken dabei nieder und „ruhen im Heiligen Geist“, eine Weile wie ohnmächtig. Helfer sind da und sorgen dafür, dass sich niemand verletzt. Ich merke dabei sehr körperlich quasi als Symbolerfahrung (mein Schützling ist mindestens doppelt so schwer wie ich…), wie wichtig es ist, dass wir uns gegenseitig stützen (besonders über die Gemeindegrenzen hinweg!). Überhaupt meint Houtan, dass Charismen durch Handauflegung übertragen werden können, womit er der kath. Sukzessionslehre ziemlich nahe kommt. Dennoch meine ich, dass Traditionschristen ohne Vorkenntnisse über charismatisches Christsein mit einem solchen Seminar überfordert wären. Der Prediger zu laut, zu ungehobelt (Jugend-Slang), zu direkt (Pfingstkirchler sprechen die Zuhörerschaft gerne persönlich an), zu „bekenntnishaft“ (wie jemand mal zu Charismatischem bemerkt hat), die Pneumatologie (Lehre über den Heiligen Geist) zu oberflächlich und die biblischen Belege zu penetrant…

Diese Art von Ablehnung könnte man aber auch der Verkündigung Jesu und später der seiner Apostel vorhalten! Gott hat durchaus den Anspruch, mich in seinem Wort persönlich zu meinen – daher ist es ziemlich egal, wie seine Worte zitiert werden. Und der Sendungsauftrag aller Kirchen wird von folgenden Zeichen begleitet: Kranke werden geheilt (nicht von irgendwelchen Gesundbeter/innen!), Dämonen ergreifen die Flucht (Psychosen, Depressionen, Zwanghandlungen, Süchte, Persönlichkeitsstörungen…) und das Reich Gottes wird gepredigt (vgl. Lk 10 par.), in dem zur Umkehr eingeladen wird (Mk. 1, 15, auch SC 9) Das alles gilt keinesfalls nur für die apostolische Zeit, sondern für eine apostolische Kirche der Gegenwart und für Zukunftsperformer! Daher sind Dienst und Charisma aktueller den je. PP. Franziskus hört nicht auf, den Primat der Evangelisation vor allen weiteren Strukturreformen zu betonen (und die deutschen Katholiken kapieren es einfach nicht). Kritik an der Rhetorik eines Predigers kann sooo destruktiv sein! Soviel zur Ehrenrettung von Houtan. Er legt den Finger auf die Leerstellen der Mainstreampastoral. Kein Wunder, dass deren Protagonisten das nicht mögen.

Ich entledige mich der Chöre der Bedenkenträger in meinem Kopf und stelle mich vorne in die Reihe. Ich will Jesus nahe sein (weil er mich sucht!), nicht irgendeinem Promi, und sei er auch noch so wortgewandt! Personenkult ist in pfingstkirchlichen Kreisen durchaus ein Problem. Und ich will die Charismen einsetzen und ausüben, die Gott mir schenkt (vielleicht ahne ich von Manchem noch gar nichts – ich bin alt genug, um derartiges schon erlebt zu haben.).

Drei Kernthesen aus diesem Wochenende bleiben bei mir hängen:

  1. Wunder geschehen außerhalb meiner Komfortzone (meines gewöhnlichen Lebens und meiner Glaubensdogmen).
  2. Wir SIND Erweckung (da, wo wir [gerade stehen] und gehen). Das muss Auswirkungen darauf haben, wie wir um Erweckung beten!
  3. Aus der Intimität Jesu zu mir (bitte in dieser Reihenfolge) erwächst als Frucht meine Kompetenz zum Engagement.

„Natürlich übernatürlich leben“ hieß das Seminar. Im Christuslied des Philipperbriefs lesen wir, dass Gott seine „Komfortzone verlassen“ hat und selbst in Jesus Christus einer von uns Menschen, ja Sklave wurde. Mir fiel während der Vorträge das Deutewort aus der katholischen Liturgie bei der Gabenbereitung ein: „Wie dieses Wasser sich mit dem Wein verbindet, so lasse uns dieser Kelch teilhaben an der Gottheit Christi, der unsere Menschennatur angenommen hat.“ (für mich ist die röm.-kath. Halbierung der Eucharistiepraxis immer noch ein Skandal, und die Klerikalisierung der Kelchkommunion von verheerender Wirkung hinsichtlich der Amtsanmaßung mancher Priester, die mit dem angeblichen Anspruch einer besonderen Gottesnähe ihren sexuellen oder geistlichen Machtmissbrauch begründet haben). WIR sind ein Abbild Gottes, als Frau und Mann (1. Mos./Gen. 1, 26+27) – wir alle! Röm. 8, 29; 2. Kor. 3, 18; Gal. 3, 27 und viele weitere Stellen sprechen vom Leben Christi in uns, von unserer Transformation, wir alle sind Botschafter an Christi statt (2. Kor. 5, 20) –

Ich habe Gottes Thron gesehen.

Mein Fazit:
Ein (weiteres) Plädoyer für das gemeinsame Priestertum aller Christinnen und Christen! Und ein wenig schelmisch: Es gibt gar nichts Übernatürliches! In der Gegenwart Gottes zu leben, leben zu dürfen, ist total normal. Es gibt keine Distanz zwischen Jesus und mir (das missfällt mir beim Lobpreis an vielen der gängigen Christkönigs-Liedern – ich singe sie trotzdem lauthals mit…) Mein Erlöser steht nicht „hoch oben“, wie Lothar Kosse singt, sondern hier unten, mitten in „all dem Staub der Welt“. Der Auferstandene lebt heute, sein Thronsaal ist durchaus unsere Fußgängerzone oder ein Linienbus, und ich treffe Jesus im Obdachlosen, im Bettler (auch wenn er zu einer Bande gehört), im Einsamen, im Verbitterten, im Depressiven, im Kranken, bei der Hausarbeit, an der Waschmaschine. In diesen „grauen Alltag“ gehört die Liebe Gottes hinein, durch meine Füße, Hände, Mund. Gottes Liebe ist immer ein Wunder, weil sie den Kreislauf von Hass und Gewalt durchbricht: Das ist nichts Virtuelles, kein Wolkenkuckucksheim, keine Theorie oder frommer Wunsch, sondern handgreifliche Zuwendung, Trost und Zusage der Heilung durch Gottes Geist. ER will Heil und Heilung. Ich bin lediglich sein Botschafter.

Ich muss meinen Weg finden, zwischen Unbefangenheit und Besonnenheit. 2. Tim. 1, 6+7 bleiben meine Herausforderung. Ich bin kein Gesundbeter irgendeiner Übernatürlichkeit. Körperkontakt ist nichts Magisches. Es sorgt lediglich für die gleiche emotionale Wellenlänge – das kann jeder beschreiben, der z.B. mit Dementen oder mit kleinen Kindern umgehen kann oder wenn Freunde sich umarmen.

Helfen wir einander mit Gebet. Stützen wir uns gegenseitig, wenn wir gebraucht werden. Mitten im Alltag, einfach ganz unspektakulär und natürlich! Der Geist weht, wo und wie Er will und ist nicht angewiesen auf Sprachengebet oder Ruhen im Geist. Dennoch kann er alles.

Eine ausgezeichnete Vorbereitung für meine „OEL-Woche“ [Ora-Et-Labora, jeweils ca. 4 Std./tägl.], die mir in Kürze bevorsteht, und die ich diesmal nicht im Kloster, sondern in einem Gemeinde-Startup verbringen darf: Mitten im Ruhrpott, in der [Kirche 62] in Gelsenkirchen.

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