3. Tag

Heute geht es den blauen Wänden an den Kragen. Das „Zurollen“ der Flächen zwischen den fertigen Kanten geht rasch vonstatten – ich kann es noch, und darf es sogar sportlich nehmen. Das eigenartige Rohrleitungssystem muss ich ein zweites Mal streichen, die Farbe hatte auf dem Kunststoff nicht richtig gedeckt. Zum Schluss noch die Fußleisten, unprofessionell mit Wandfarbe, sie sollen später ausgewechselt werden, wenn Teppich in den Raum kommt.

vorher
nachher
fertig für den Kindergottesdienst

Dann fange ich mit dem eigentlich für mich vorgesehenen Zaun an. Nebenan ist ein Lidl-Supermarkt, und der Holzzaun ist von dieser Firma aufgebaut worden. Ein kleiner Teil ist unter dem Narthex- oder Kreuzgang-ähnlichen Vordach. Glücklicherweise scheint ein wenig die Sonne, und das Holz ist relativ trocken. Aber es zieht ein Gewitter auf, und ich habe gerade den letzten Pinselstrich in der Ecke gemacht, da bricht ein Wolkenbruch los – das trockene Holz hat die Lasur gierig aufgesaugt, und die Lagebesichtigung eine Stunde später hat keine Wasserschäden ergeben: Gott sei Dank!

Damit sind meine vier Stunden Arbeit schon wieder getan, und nach dem Mittagessen nimmt meine Ansprechpartnerin der Kirche 62 sich viel Zeit für ein persönliches Gespräch. Ich erfahre viel von der Geschichte der ehem. Christus-Gemeinde Gelsenkirchen, von Glaubenswegen und Zukunfts-Visionen für den Neustart mit einem (fast) ganz neuen Leitungsteam. Die Doppelbelastung des Pastors ist für die Anfangszeit akzeptabel, aber schon mittelfristig keine gute Lösung, zumal die beiden Gemeinden in Gelsenkirchen und Oberhausen ziemlich verschieden sind. Jonathan Paul beschreibt in seinem Buch Wachstumsperioden der Taufe im Heiligen Geist, und damit sind die Mitglieder der beiden Gemeinden auf ganz unterschiedlichem Level. Das muss in der Pastoral und in den Predigt- und Hauskreisthemen berücksichtigt werden.

Überhaupt wird mir heute klar, dass der Geist Gottes mir mit dem Format einer Ora-Et-Labora-Woche in diesem Gemeinde-Startup einen ganz eigenartigen und besonderen Rahmen gewiesen hat. Zu Hause höre ich viel von Rückbaumaßnahmen bei katholischen (und auch evangelischen) Kirchen. Die Gemeinderäume und Pfarrheime werden gerne unter das Kirchendach verlegt, um die Bauten zu retten. Ich habe zwar auch kein besseres Rezept, es ist also ganz vernünftig, aber skeptisch bin ich dennoch. Ist es Aufgabe der Kirchen, zurückzubauen? Wir haben doch einen Missionsauftrag, und der muss Wachstum zur Folge haben! Evangelisierung muss das umfassende pastorale Ziel für alle sein. Evangelisierung, Transformation der Gesellschaft, Bekehrung der Einzelnen zu einem Leben mit Jesus  „funktioniert“ nur, wenn Gemeinden selbst evangelisiert sind! Rückbau kann nicht mehr als eine Notmaßnahme sein, und die Endgültigkeit mancher architektonischer Lösungen deprimiert mich.

Runderneuerung ist angesagt: Heute kam die Flex zum Einsatz.
Auch hier wartet noch Arbeit.

Meine Überraschung: Die Kirche 62 Gelsenkirchen ist eine Rückbaumaßnahme im freikirchlichen Sektor! Aber mit einem ganz wesentlichen Unterschied: Die alte Christus-Gemeinde wurde aufgelöst, ganz. Dann folgte eine kurze Zeit eine Lücke in der Zeitleiste, und es gab einen Neustart, mit neuem Team, rückgebauten Räumen, neuer Vision, frischen Ideen und einer stark verkleinerten Gemeinde. Einige der bisherigen Gemeindemitglieder sind wieder dabei und unterstützen das Startup, ohne die alten Zeiten zurück haben zu wollen. Aber es sind die großzügigen Räumlichkeiten noch da, und es wird Mühe kosten, sie nicht vergammeln zu lassen, sondern sinnvoll zu nutzen, auch mit externen Gruppen oder Unternehmen.

Neuer Wein in alte Schläuche? (Mt. 9, 17 ff.) Das geht schief. Daher gibt es neben der haupt-, neben- und ehrenamtlichen Mitarbeitercrew auch ein ganz verändertes Raumkonzept für die Kirche 62. Neuer Wein in runderneuerte Schläuche! Man wird sehen, ob das geht. Und es wäre ein Innovationsvorbild für die Traditionskirchen. Ich denke es oft für meine Wohnort-Gemeinde – der Chor hat sich aufgelöst, die Seniorennachmittage werden nicht mehr frequentiert, für das Bibelteilen muss man jetzt in die Nachbargemeinde fahren, von Jugendabenden habe ich schon lange nichts mehr gehört, nur das Zeltlager gibt es im Sommer wohl noch, schon lange in Kooperation mit einer befreundeten Gemeinde in der Stadt. Also: Das bisherige Gemeindekonzept ad acta legen und die [Gemeinde ganz neu gründen]! Den Pioniergeist des Anfangs nach dem 2. Weltkrieg unter ganz neuen Bedingungen wieder neu erwecken!

In der Gelsenkirchener kath. Stadtkirche habe ich gestern Flyer für ein [Barcamp des Bistums Essen] gefunden mit dem Ziel, neue Gemeinden in der kath. Kirche zu gründen. Wow! Da scheinen freikirchliche Konzepte missionaler Kirche von den [Freien Evangelischen Gemeinden] und vom [Mülheimer Verband] und vielleicht noch anderer über solche Netzwerke wie [fresh-X] und ähnliche hinüberzuschwappen. Wir sind Erweckung, [habe ich neulich gelernt]. Wir sind mitten drin, und das weltweit, auch wenn die Deutschen Traditionskirchen sich damit ziemlich schwer tun! Ein [Barcamp] gibt die Workshops nicht vor, sondern lässt sie von den Teilnehmern unmittelbar selbst eruieren. Hier ist also neue Offenheit für das Wirken des Heiligen Geistes gefragt! Und ich kann nur hoffen und beten, dass viele charismatisch Angehauchte aller Konfessionen im Ruhrgebiet und anderswo mit dabei sind.

 

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