Dazu rede ich erstmal nicht über Kirche, sondern über die Hoffnung, die mich vorantreibt. Eines der gesellschaftlichen Probleme unserer Epoche ist der Mangel an Verantwortungsbereitschaft. Wer will noch in die Politik gehen, kommunal oder landesweit, wenn man nicht nur kritisiert wird, was immer konstruktiv sein sollte, sondern niedergemacht, im Internet mit Hass übergossen und sogar mit Mord bedroht und als Sanitäter, Feuerwehrmann/-frau gewalttätig angegriffen? Das erleben wir nicht nur in Berlin, sondern auch beim Schützenverein, im Sport und bei bürgerschaftlich Engagierten auf den Dörfern.

(Foto: shutterstock.com / Nicoleta Raftu)

Verantwortung – für andere – zu übernehmen erfordert Vertrauen. Es gehört zu den fundamentalsten Basics menschlichen Zusammenlebens. Jede dritte Ehe wird geschieden: Kinder erleben, was Misstrauen anrichten kann. Sie wachsen vaterlos auf (Alexander Mitscherlich hat schon 1963 den Finger auf „die vaterlose Gesellschaft“ gelegt), oder auch mutterlos, in weit geringerem Maße. Oft müssen Kinder zwischen Vätern und Müttern an Wochenenden hin- und herreisen (Begleitung dabei ist ein geläufiges Projekt der Bahnhofsmissionen). Sie leben in Beziehungen, die unzuverlässig sind. Wie sollen Erwachsene dann noch vertrauensvolle Beziehungen lernen? Wie beziehungsfähig sind sie/wir denn überhaupt? Wie teamfähig? Beratungsstellen und Unternehmenscoaching versuchen, das Schlimmste zu verhindern.

Über Vertrauen lässt sich vortrefflich meditieren: Wem kann ich trauen? Wer ist vertrauenswürdig? Trauung nennen wir das Eheversprechen. Vertrauen wird aber auch entgegengebracht, sogar geschenkt, ohne Vorleistungen. Eine/r muss den ersten Schritt tun. Wertvolles wird Freunden, Geld der Bank anvertraut.  Auch ich vertraue mich Nahestehenden an und umgekehrt. Hund und Katze sind zutraulich (stellen keine Bedingungen für Zuwendung).

Gott vertrauen? Gehört sein Name zu den Fake-News oder ist er Programm (יהוה /JHWH: „Ich bin der für Euch dasein werdende“ 2. Mos/Ex. 3, 14), Programm für die Rettung seines Volkes aus Unmündigkeit und Sklaverei? Ist der Name Jesus (ישוע/Jeschu: „Gott rettet“ Mt. 1, 21) kein freundschaftliches Angebot für Menschen, denen die Hoffnung auf Lebensqualität abhanden gekommen ist? Ist die Gegenwart Gottes mitten in unserer Zeit kein Grund mehr, um Lebensfreude zu feiern – ausgelassen und fröhlich?

Vertrauen findet im Bauch statt. Das müssen wir im besten Fall schon im Kindesalter erleben, und zwar hautnah. Selbstvertrauen ist erlernbar. Wie gut ist es, wenn wir das Kind in uns nicht verdrängen oder vergessen! Wir können mit unseren Enkeln herumtoben und Unsinn machen – kindlich, ohne kindisch sein zu müssen! Gott zu erkennen hingegen ist mehr Kopfsache (von Thomas von Aquin bis Josef Ratzinger und weit darüber hinaus gibt es dazu viele sehr gelehrige Bücher). Zwischen Bauch und Kopf ist das Herz des Menschen – und die Bibel verortet dort Weisheit und Zutrauen, Lebenswissen und Entschlusskraft. Das Herz ist der virtuelle Personkern. Im Kopf wohnt die Seele nicht. Interessant ist, dass die Kardiologie Rückschlüsse auf Stress, Gefühlsmängel, unausgewogene Ernährung und fehlende Bewegung zieht (diagnostisch z. B. durch Übergewicht, Diabetes, Bluthochdruck und Herz-/Kreislauferkrankungen, die hauptsächlichsten Todesursachen in unserer Wohlstands-Konsumwelt!). Auch naturwissenschaftlich gesehen ist das Herz anscheinend nicht einfach nur eine Pumpe, und Gefühle nicht einfach nur die Reaktion chemisch-neuronaler Prozesse im Gehirn. Ez./Hes. 36, 26: Glaubwürdig, oder zu schön, um wahr zu sein?

Worauf ich hinaus möchte: Glaube ist für mich nicht das Fürwahrhalten von wissenschaftlichen Erkenntnissen, dogmatischen Definitionen oder gar theologischen Lehrsätzen. Ich glaube eher nicht, „dass“ irgendetwas oder irgendeiner existiert. Insofern bin ich vielleicht sogar ein unverbesserlicher Atheist, was die herkömmlichen Gottesvorstellungen und -definitionen aller Religionen betrifft. (Dorothee Sölle hat 1968 dazu sehr Wesentliches geschrieben.) Glaube ist für mich reiner Vertrauensglaube. Insofern hält er dem Verdacht stand, einfach Projektionsfläche oder Spiegelbild meiner tiefsten Sehnsüchte und Wünsche zu sein. Prophetischem und „Hörendem Gebet“ begegne ich daher mit gesunder Skepsis. (Wer sich auf persönliches Reden Gottes beruft, schließt In-Frage-Stellen oder Widerspruch von vorn herein aus.) Ich glaube Dir (weil Du es bist, der mir etwas sagt), ich glaube Ihm, ich fühle mich existenziell geliebt, weil Gott mich zuerst geliebt hat. Er hat den ersten Schritt getan. Ich vertraue seinem Wort, das ich immerhin lesen kann – fast überall und jederzeit. Lasse ich mich denn ansprechen? Manchmal trifft es mich ins Herz. Und das finde ich gut.

Jesus Christus liebt Dich, er hat sein Leben hingegeben, um Dich zu retten (aus der Verstricktheit in den strukturellen Unfrieden und die Ungerechtigkeiten dieser Welt), und jetzt ist er jeden Tag lebendig an Deiner Seite, um Dich zu erleuchten, zu stärken und zu befreien.

Das ist nicht der fromme Spruch der Jesus-Freaks aus den 70-er Jahren. Das ist der fundamentaltheologische O-Ton des Bischofs von Rom in seiner „Regierungserklärung“ von 2013 „Evangelii Gaudium“, der im Deutschen Katholizismus soviel Misstrauen entgegengebracht wird. Diese Erstverkündigung müsse „die Mitte der Evangelisierung und jeglichen Bemühens um kirchliche Erneuerung bilden (EG 164)“. Noch evangelikaler geht es wohl kaum.

Der Corona-Shutdown ist auch für mich so etwas wie ein [neuerlicher Boxenstopp]. Sind pastorale Strategie-Diskussionen weg von der hierarchischen Männer-Kirche hin zum postkonfessionellen und digital kommunizierten Netzwerk wirklich meine Lebensaufgabe in den Jahren, die mir als Corona-Überlebender noch auf dieser Erde vergönnt sind? Oder liegt meine Berufung nicht eher im tatkräftigen Zupacken, d.h. im bürgerschaftlichen und diakonischen Engagement? In der Gerichtsrede Mt. 25 lese ich nichts von Gebetszeiten, von der Zahl meiner Gottesdienstbesuche, von meiner Spendenbereitschaft, von der Pegelhöhe derer, die ich möglicherweise „zu Jesus als ihrem Herrn und Erlöser hingeführt“ habe, wie enthusiastisch mein Lobpreis ist, wie oft ich in Sprachen gebetet habe und bei wie vielen christlichen Kongressen ich dabei war.

Was am Ende zählt, ist Diakonie, nichts anderes!

So starten Pioniere.

„Gemeinwesendiakonie ist für mich der einzige Weg der Kirche in der Zukunft“, sagt Heike Schmidt, Dorfpastorin auf der Krummhörn in Ostfriesland. Wie man auf [(neo-)evangelikal] „die Welt versteht“, konnte man schon 2012 [bei Tobias Faix und Johannes Reimer nachlesen].

Auch wenn ich aus meiner Perspektive ein Suchender bin: Jesus zeigt klare Kante, [bei wem und wo] er zu finden ist! Sein Thronsaal sind die Straßen dieser Erde, auf denen die Menschen unterwegs sind. Lebendiges, mündiges Christsein muss sich auswirken, im Dienst an der Gesellschaft, und zwar dort, wo Menschen mein Zutrauen am nötigsten brauchen. Insofern geht der nächste Schritt im Prozess der Bekehrung für mich wirklich ins Unwegsame. Viel Erfahrung bringe ich da nicht mit. Mein ganz persönlicher Trampelpfad. Aber [Gott weiß, wo ich dann gerade bin]

One comment

  1. Pingback: Kirche in Zukunft – ON FIRE

Comments are closed.