„Rückkehr zur Normalität“, das ist die Forderung Vieler. Für diejenigen, die am Rand des wirtschaftlichen Existenz-Zusammenbruchs stehen, nur zu verständlich. Wir haben eine Weltwirtschaftskrise, die noch lange nicht vorbei ist. Parallelen zur Entwicklung nach 1929 drängen sich auf: Zunehmender politischer Extremismus, zunehmende Gewaltbereitschaft derer, die sich nicht verstanden fühlen, Hass bis in die Mitte der Gesellschaft hinein, Misstrauen im Großen wie im Kleinen, womöglich Sehnsucht nach einer Führerfigur, die Erlösung verspricht…

Kirchenführer sagen: Auch bei uns kann es nicht mehr so werden wie vorher – aber meinen sie das wirklich ernst? Die weltweite Coronakrise hat auch unsere pastoralen Methoden zum Shutdown gebracht. Meine Gemeinde ist mit ihrem Ostergarten krachend gescheitert: Am Startsonntag traten die Kontaktbeschränkungen in Kraft. Nun wurde der Ostergarten wieder abgebaut – mit 0 Besuchern (statt wie zweimal zuvor 6.000…). Wenigstens [ein Video] konnten wir produzieren. Aber die Kirchen haben Organisationsformen entdeckt, die vor allem durch Digitalisierung der Kommunikation und durch das „wo zwei oder drei…“ (Mt. 18. 20) in Zellen, Gruppen, Hauskreisen und Gebetsspaziergängen gekennzeichnet ist. Kirchenentwickler aller Konfessionen möchten Eigenverantwortung und Selbstorganisation der Gläubigen nicht wieder zurückgefahren sehen: Jetzt  wird das „gemeinsame Priestertum“ akut und erlebbar:

ermöglichen statt vorgeben, freigeben statt kontrollieren, Religion2go statt Integrationsabsichten, entdecken statt weitergeben, beteiligen statt vorsetzen,

so charakterisiert die Pastoralreferentin Christiane Bundschuh-Schramm die laufende Diskussion im „Anzeiger für die Seelsorge”, der im Juni 2020 ein ganzes Heft dieser Thematik widmet. [Sehr lesenwert!] Herausforderungen für bisherige hierarchische Kirchenstrukturen und Pluspunkte für Synodales! Und sie zitiert den Bochumer Pastoraltheologen Matthias Sellmann:

Das Ziel des Christseins ist nicht die Bildung von Kirche; sondern das Ziel von Kirche ist die Entwicklung von Christsein.

Blogger Motetus (re.) und Birgit Dierks im Gespräch mit EKD-Ratsvors. Heinrich Bedford-Strohm beim Katholikentag 2018

„Lebendiges, mündiges Christsein“ ist auch pastorale Zielsetzung von [Michael Herbst] und der multikonfessionellen [fresh-X-Bewegung]. Ich habe es schon zu Anfang der nationalen Shutdowns „[die Stunde der Freikirchen]“ genannt – nicht um dafür zu werben „kommt alle rüber und werdet wie wir“, sondern um auf unternehmerische, moderne, digitalisierte und professionelle Methoden hinzuweisen, die ihren missionarischen Praxistest schon lange bestanden haben. Dennoch müssen sich auch Freikirchen kritisch hinterfragen lassen, wenn „missionarisch“ mit aufdringlich und „persönliche Jesusbeziehung“ mit geistlicher Machtausübung verwechselt wird.

Im [Zukunftsforum 2019] der Evangelischen Allianz in Deutschland habe ich spontan ein Bootcamp „Multikonfessionelle Gemeinde“ gestartet. Ich glaube nicht, dass Gott sich sonderlich für unsere traditionellen und aktuellen Konfessions-Streitereien interessiert.

Jesus hat nur EINE Braut. Er ist monogam!

(Johannes Hartl beim ökumenischen online-Gebet „Gemeinsam vor Pfingsten“ am 28.05.2020. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er damit ausschließlich die römische Version der weltweiten Kirche Gottes meint!) Insofern ist „multikonfessionell“ ein weiterer Schritt auf dem Weg zur Einmütigkeit, wie sie Jesus gewünscht hat (Joh. 17, 21) und in der Urgemeinde praktiziert wurde (Apg. 1, 14). Zerstrittene Kirchen und Gemeinden haben keine Zukunft. So schaffen sie sich selber ab.

Zellgruppe/Kleine Christliche Gemeinschaft der Zukunft als Strukturelement neuer Gemeindeformate?

Der nächste Schritt müsste lauten: Überhaupt nicht mehr konfessionell! Kann es das geben: Eine post-konfessionelle Gemeinde? Und ohne es 2019 erahnen zu können: Auch die Sozialform „Gemeinde“, so wie wir sie herkömmlich verstehen, kommt auf den Prüfstand. Muss es die einzig gültige Form kirchlicher Organisation sein? Kann ein Netzwerk auch Kirche sein? Was ist mit dem [virtuellen Internetbistum] Partenia von Bischof Jacques Galliot? Kann eine Gemeinde auch ein Netzwerk von Hauskreisen und [Zellgruppen] sein? Muss der biblische „fünffältige Dienst“ (Apostel, Prophet, Evangelist, Hirte, Lehrer, Hirte, Eph. 4, 11-12) oder die drei kirchlichen Grundfunktionen (Glaubensdienst (Martyrie)–Gottesdienst (Liturgie)–geschwisterlicher Dienst (Diakonie) notwendigerweise von Amtspersonen wahrgenommen werden? Können das nicht Gruppenzuständigkeiten sein, die auch wechseln bzw. rotieren können? Hoffentlich nicht mit einer charismatischen Leiterpersönlichkeit, die dann im Grunde die Wiederauferstehung eines hierarchischen Systems zur Folge hätte.

Viele Gemeindeverbünde haben ihre Startup-Projekte – alle sind sie bedenklich konfessionalistisch, für das sich im Detail kaum noch jemand interessiert. Manche wollen neu bauen – statt mit Gleichgesinnten zu kooperieren – in ein paar Jahren können wir uns die leeren Kirchen und Gemeindezentren aussuchen! Gemeinde / Kirche: Nicht nur ganz neu denken, sondern ganz neu starten, und zwar jetzt, ohne die Kirche(n) mit ihren gestrigen Strukturen zu restaurieren! Es gilt, [ganz neue Trampelpfade] freizulegen. Unser Grundauftrag und unsere Berufung lautet: Jünger machen (Mt. 28, 19 et par.), und das heißt heute: Einladen zu lebendigem, mündigen Christsein. Weil die Menschheit Gott etwas wert ist! Und diese Wert- und Verantwortungsbereitschaft ist existenziell für unsere Gesellschaft. Der Zukunftsforscher [Matthias Horx geht visionär in die Nach-Corona-Zeit].

Fortsetzung im [nächsten Posting]