Nicht nur der festgestellte [30 Jahre-Trend] untermauert [nicht nur meine] Einschätzung, dass der deutsche Katholizismus und auch die evangelischen Landeskirchen spirituell und organisatorisch bankrott sind, von [wenigen löblichen Ausnahmen] abgesehen.

Das große Schiff des traditionellen Christentums sinkt auf den Grund. Und wir sollten keine Zeit damit verlieren, die Liegestühle auf der Titanic hin und her zu schieben. (Tomáš Halík, tschechischer Soziologe und „Untergrund“-Priester)

Kath. Gemeinde-Startup auf dem Katholikentag 2018

Unter dem Titel  „Trend wenden – Einschätzungen und Zahlen zur Zukunft der Kirche“ hat [Ursula Hahmann], Mitarbeiterin des kath. Gemeinde-Startups [„Zeitfenster“] Aachen und Unternehmensberaterin bereits 2018 eine Untersuchung vorgelegt, die im Ergebnis ein vernichtendes Urteil über das missionarische Profil Hauptamtlicher beider Konfessionen fällt.

Veröffentlicht wurde der Artikel in „futur2 1/2018“ unter [http://www.futur2.org/article/trend-wenden-einschaetzungen-und-zahlen-zur-zukunft-der-kirche]. Er belegt nun auch wissenschaftlich, dass ich mit meiner Entscheidung für eine charismatische Gemeinde, und diesen Weg im 3rd. Life konsequent weiter zu gehen, richtig liege. Ich wollte nie Totengräber des Evangeliums sein.

Zur Vorbereitung der Untersuchung wurden 2016/17  im Kontext der Kongressreihe „Strategie und Entwicklung in Kirche und Gesellschaft“ kirchliche Führungskräfte beider Konfessionen zur Zukunft der Kirche in Deutschland befragt. In der qualitativ angelegten Studie geht es zentral um die Frage, was Führungs- und Fachkräfte darüber denken, wie sich Organisation und Führung verändern müssen, wenn Kirche ihrem Auftrag unter sich permanent verändernden Bedingungen heute und in Zukunft gerecht werden will.

Konkret wurden folgende Fragen vorgelegt:

  1. Was sind in den nächsten 20 Jahren die wichtigsten gesellschaftlichen Herausforderungen, auf die sich die Kirche einstellen muss?
  2. Wie wird sich Kirche in den nächsten 20 Jahren weiterentwickeln müssen?
  3. Wie wird in Zukunft Führung zu gestalten sein?
  4. Was sind die drei wichtigsten Entscheidungen, die heute auf die nächsten 2-5 Jahre hin getroffen werden müssen?
Neue kath.-charismatische Gemeinde in Stuttgart

Angefragt waren Führungskräfte aus den 20 Gliedkirchen der EKD und den 27 deutschen Diözesen (Bischöf/innen, Führungs- und Fachkräfte kirchlicher Behörden, Leiter/innen diakonischer Werke, Direktoren/innen der diözesanen Caritasverbände sowie Dekan/innen, Rektor/innen bzw. Präsident/innen evangelischer und katholischer theologischen Fakultäten und Hochschulen).

Von den insgesamt angeschrieben 833 Personen gehörten 41% zu evangelischen Kirchen und 59% zur katholischen Kirche, 22% waren Frauen, 78% Männer, 52% ließen sich der oberen Führungsebene der verfassten Kirche zuordnen, 33% der mittleren Führungs- bzw. Fachebene der verfassten Kirche, 8% der oberen Führungsebene der theologischen Fakultäten und Hochschulen und 7% der oberen Führungsebene von Caritas und Diakonie.

Es gab insgesamt 264 Rückläufe, was einer Quote von 32% entspricht. Das ist überraschend hoch und dokumentiert vermutlich das Interesse der Zielgruppe an diesem Thema. Die Rücklaufquote im Kontext der katholischen Kirche war mit 35% höher als die auf evangelischer Seite (26%).

„Auffällig ist die hohe Zahl an Aussagen zum zukünftigen Profil von Kirche: Sie müsse zukünftig viel stärker dialogisch und partizipativ, attraktiv i.S. von adressatenorientiert, diakonisch und geistlich-spirituell sein. (…)  Deutlich wird in diesen Aussagen ein verändertes (Gesamt-)Bild von Kirche: eine an der Umwelt/ den Adressaten orientierte, differenzierte und bewegliche (fluide, agile) Gestalt von Kirche, in der Menschen aufgrund ihrer Taufwürde und ihres Charismas in einer gewandelten Rollenarchitektur substantiell Verantwortung übernehmen. Leitmotiv ist der Wechsel von der Innen- zur Außenperspektive. Mit mehr als 1/3 der Aussagen ist das der mit Abstand wichtigste Grundsatz, den es in Zukunft zu beachten und schrittweise umzusetzen gilt.

Hahmann stellt umgekehrt fest, dass „der dominante Blick auf das eigene Selbstverständnis ein Indiz dafür“ sei, „dass die verantwortlichen kirchlichen Akteure weiterhin v.a. mit dem Innenleben von Kirche, also mit sich selbst beschäftigt sind“. Von missionarischen Ambitionen, die ja eigentlich das Kerngeschäft aller Kirchen sind, ist die traditionelle Kirche in Deutschland meilenweit entfernt! Indizien dafür sind auch die Trends bei Gottesdienstbesuch und Kirchensteueraufkommen, die gleichlautend sind mit der EKD- und DBK-Studie, die im Mai 2019 veröffentlicht wurde [siehe „Schwarz auf weiß“].

„Und noch schärfer: Konkrete Vorstellungen von der Lösung der zentralen Herausforderungen (Relevanzverlust – Mitgliederschwund – Ressourcenmangel) oder eines Weges dorthin scheint es nicht zu geben, zumindest werden sie nicht genannt, wenn man Führungs- und Fachkräfte nach der Zukunft fragt.“

Papst und Evangelikale beten gemeinsam

Das bedeutet: Sie haben keinen Plan! Hahmann erklärt dies mit der immer noch gültigen pastoralen Devise, den Bestand mit den traditionellen Angeboten und Strukturformen zu halten. Angesprochen wird damit nur noch die Zielgruppe der  „grauen Häupter“ – die aufgrund der demografischen Entwicklung ja immer kleiner wird. Versuche, „die Jugend zu halten“ (Nordostdt. kath. Kirchenzeitungen v. 08.05.2019) sind mehr als kläglich. Die Kirchen haben die Jugend schon in den 70-er Jahren des vorigen Jahrhunderts verloren. Hier von Bankrott zu sprechen halte ich nicht für überzogen. Es steht auf jeden Fall in völligem Gegensatz zur Aufforderung PP. Franziskus‘ in Evangelii Gaudium Nr. 15 und Nr. 33 und vieler anderer Belegstellen: „Die Seelsorge unter missionarischem Gesichtspunkt verlangt, das bequeme pastorale Kriterium des »Es wurde immer so gemacht« aufzugeben. Ich lade alle ein, wagemutig und kreativ zu sein in dieser Aufgabe, die Ziele, die Strukturen, den Stil und die Evangelisierungs-Methoden der eigenen Gemeinden zu überdenken. Eine Bestimmung der Ziele ohne eine angemessene gemeinschaftliche Suche nach den Mitteln, um sie zu erreichen, ist dazu verurteilt, sich als bloße Fantasie zu erweisen. Ich rufe alle auf, großherzig und mutig die Anregungen dieses Dokuments aufzugreifen, ohne Beschränkungen und Ängste.“ (Hervorhebungen von mir.) Können Pastoralteams nicht lesen? Wo bitte schön sind denn in Deutschland die „Evangelisierungs-Methoden der eigenen Gemeinden“, flächendeckend selbstverständlich?

Die Konsequenzen liegen auch für Ursula Hahmann auf der Hand: „Das normative Denken in Eigenschaften macht soziale Systeme immun gegen Veränderung. Es lässt sich vermuten, dass theologisches Denken in einer Tradition, die normativ auf Wahrheit ausgerichtet ist, tendenziell dazu neigt, Wirklichkeit digital i.S. einer zweiwertigen Logik über Unterscheidungen wie „wahr/ nicht wahr“ und „fromm/ nicht fromm“ bzw. „moralisch/ unmoralisch“ zu betrachten und beschreiben. Ein solches Denken ist wenig geeignet, Grautöne und Unterschiede gelten zu lassen und damit auch Prozesse zu antizipieren, zu beschreiben und zu organisieren. Genau dies ist eine grundlegende Voraussetzung für Entwicklung und Veränderung.“ Die postmodern globalisierte Gesellschaft in ihrer Komplexität kann für das Evangelium nur gewonnen werden, wenn die Kirchen flexibel, agil und mit sich selbst regulierenden Teams verfasst sind und handeln. Das frühzeitliche und mittelalterliche Hierarchie-Modell ist für die Zukunft gänzlich ungeeignet. Es als „gott-gegeben“ zu bezeichnen (wie „Maria 1.0“ es tut), ist eine steile These. Sie leistet denen Vorschub, die nicht von ihrer Machtstellung lassen – und einen PP. Franziskus auch gar nicht verstehen können. Sie sind beileibe nicht nur unter Kardinälen und Bischöfen zu finden.

„Kirche 4.0“ statt „Hierarchie 1.0“ – in Fulda wird sie Wirklichkeit.

Fazit:

„Kirchliche Führungs- und Fachkräfte sind weit davon entfernt, Kirche als eine fluide bzw. agile Organisation zu verstehen, in der Veränderung als Funktionsprinzip strukturell verankert ist und die dadurch extrem sensibel und zeitnah auf Kontextveränderungen (gesellschaftliche Herausforderungen, Bedürfnisse der Adressaten) reagieren kann. Die Notwendigkeit … wird zwar gesehen. Die Beschreibung und auch das zugrundeliegende Denken bleiben jedoch auf der Ebene von Eigenschaften und Metaphern. Diese programmatisch zu postulieren oder aufgrund vorhandener Machtfülle anzuordnen, wird vermutlich nicht genügen, eine Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte alte Praxis zu verändern.

Notwendig wäre eine grundlegende und verbindliche Vergewisserung über die konkret angestrebten langfristig-strategischen Ziele, aus denen sich dann hier und heute Entscheidungen und Umsetzungsprogramme ableiten lassen. Im Gegenzug braucht nachhaltige Veränderung hinreichend Raum, um innovative Ansätze experimentell zu erproben. Nur so können die definierten strategischen Ziele im weiteren Verlauf validiert oder falsifiziert und justiert werden.

An dieser Stelle ist auch die Theologie gefragt: Notwendend ist eine Theologie, die es möglich macht, von den Adressaten her, in Unterschieden und Prozessen, in experimentellen Kategorien zu denken, eine Theologie, die sich einer präzisen Sprache bedient, die operational definiert, was sie meint, sich an überprüfbaren Wirkungen orientiert und einer empirischen Validierung unterzieht.“ Qualitätssicherung in der pastoralen Arbeit und im amtlichen Dienst der Bischöfe? Ich glaube nicht daran. Einige Bischöfe ja auch nicht.

Abschließend bricht Hahmann einmal mehr eine Lanze für ökumenische Vernetzung: „Es geht um ein Commitment derjenigen, die den Sprung machen und den Systemwechsel in Gang setzen wollen. Das zeigt die Resonanz auf die Befragung selbst. Es scheint, dass nur so das Vertrauen ineinander wachsen kann, den bisherigen Betrieb in Frage zu stellen, sich vorbehaltlos den kritischen und entscheidenden Fragen zu stellen, allfällige Entscheidungen zu treffen und mutig die Transformation von Kirche in Gang zu setzen.“

„Divine Renovation“ die Konferenz 7.–9. Okt. 2019 im Fuldaer Dom zum Buch (siehe Literatur unten auf der Seite)!

„Den Sprung machen in den Systemwechsel“… Die römische Version der Weltkirche in Deutschland schafft es nicht. Katholikenkomitees und Bischofskonferenz reden und handeln nicht einmütig, d.h. sie sind gespalten. Ich habe mich für die Mülheimer Version der Weltkirche in Deutschland entschieden. Die Mitarbeit in dieser geistlichen Gemeinschaft, die dieses Gemeindenetzwerk zweifelsohne ist, war von einem [mehrjährigen „Noviziat“] und ist von einer Phase des „Trainings on the job“ geprägt, also beileibe kein Strohfeuer.

Seit 1967 gibt es die charismatische Bewegung auch in den Traditionskirchen. Weltweit sind es 500 Mio., innerhalb von rund 100 Jahren von Null an gewachsen. Wann hat es je in der Kirche Gottes ein solches Wachstum in so „kurzer“ Zeit gegeben?

Die abschließenden Quellenverweise machen noch einmal deutlich, dass gegenwärtig weder im ökumenischen, noch im missionspastoralen, noch im interdiözesanen Dialog große Fortschritte gemacht werden. Beschrieben werden unternehmerische Selbstverständlichkeiten und im schlimmsten Fall Struktur-Kosmetik durch einfache Fusionen zu Mega-Multisite-Pfarreien.

Die herkömmliche Mainstream-Pastoral in Deutschland ist innovationsresistent. Ein Wechsel des Betriebssystems von „Hierarchie 1.0“ auf „Kirche 4.0“ ist nicht in Sicht.

Pastoralteams vor Ort zeigen kein Interesse am eigentlichen Kerngeschäft ihrer Kirche. So erlebe ich es leider, [auch in meiner Stadt]. Um meinen Weg zu gehen, muss ich doch nicht auf irgendwelche Hauptamtlichen warten, bis sie irgendwann einmal in Bewegung kommen!

Jedes Bistum, jede Landeskirche hat mittlerweile zwar ihre eigene Kirchenentwicklungs-Abteilung, die aber ziemlich unabhängig voneinander agieren. Von einer Kooperation der Kath. Arbeitsstelle für missionarische Pastoral [KAMP] z.B. mit [Dynamissio] sehe ich noch nichts. Aber wenigstens bei [fresh-X] ist sie normal, und immer mehr Katholiken schlagen bei den [Willow-Creek-Leitungskongressen] auf.

Einmütige pastorale Visionen, missionarische Ziel- und Leitbilder, gemeinsam beten, gemeinsam evangelisieren, das bekommen die charismatischen Erneuerungsbewegungen multikonfessionell besser hin. [Pfingsten 21] wird es wieder geben! Die beiden Pfingstkirchen in Deutschland [BFP] und [Mülheimer Verband] sollten jetzt unbedingt eingeladen werden, Delegierte zum Mitmachen zu entsenden. „Kirche 4.0“ ist doch schon lange auf dem Weg. Kommt einfach vorbei und seht! Prüft alles und das Gute behaltet! (1. Thess. 5. 21)

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Vgl. auch Dessoy, Valentin/ Hahmann, Ursula/ Lames, Gundo: Alles klar? – Die Zukunft der Kirche aus der Sicht ihrer Führung, in futur2. Zeitschrift für Strategie & Entwicklung in Gesellschaft und Kirche 1/2017, verfügbar unter [http://www.futur2.org/article/allesklar-die-zukunft-der-kirche-aus-der-sicht-ihrer-fuehrung]

Vgl. Zukunftsbild Essen: [http://zukunftsbild.bistum-essen.de/das-zukunftsbild/das-zukunftsbild], Abschlussdokument Trier: [http://www.bistum-trier.de/fileadmin/user_upload/docs/abschlussdokument_final.pdf] sowie strategischen Ziele im Bistum Fulda: [https://2030.bistum-fulda.de/bistumfulda2030/strategischeziele.php]. „Kirche der Beteiligung“ im Bistum Osnabrück: [https://bistum-osnabrueck.de/kirche-der-beteiligung] hat 2019 die [Startup-Phase] bereits abgeschlossen und geht in die nächste Runde. „Kirche der Beteiligung“ Bistum Hildesheim: [https://www.lokale-kirchenentwicklung.de].

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