… zum Beispiel. Was wird in der Kirche normal sein? Bestimmt nicht dieses „Wann können wir endlich wieder…“. Ich mag es nicht mehr hören! Zurück zu den pastoralen Fleischtöpfen Ägyptens? Gott bewahre!

Corona stellt alles, was wir bisher gemacht haben und für wichtig erachtet haben (besonders unsere Konfessionen…) auf den Prüfstand. Alles! Wir sind quasi gerade in der Situation wie der Körperbehinderte in Mk. 2, als er „an den Seilen hängend“ vor den Füßen Jesu landete, so Andreas Boppart von „Campus für Christus“.

Unsere „Wortwolke“ nach dem ersten Impulsvortrag.

Was sich abzeichnet: Fragmentierung, Klein(st)e Christliche Gemeinschaften, d.h. wirklich zwei oder drei, die sich im Namen Jesu treffen, einen Gebets-Spaziergang machen, die Bibel lesen, sich über Gott und die Welt austauschen, ja auch „nur“ per Telefon oder Messenger miteinander reden, sie repräsentieren den Gekreuzigten und Auferstandenen mitten in ihrer Umgebung. Hier ist Kirche, hier ist Sakrament, hier ist Jesus gegenwärtig. Er hat es so verheißen (Mt. 18, 20) und damit die Katastrophen-Resilienz seiner Kirche geradezu prophetisch in ein einfach zu realisierendes Konzept gebracht. Und Corona ist ja nicht das erste Mal. Und es ist wirklich global, urbi et orbi.

Wir haben es 40 Tage lang in unserer Gemeinde ausprobiert. Kann es weiter gehen?

Alpha Deutschland, Österreich und Schweiz haben den Kairos ergriffen und zu einer ersten Konferenz über die Konsequenzen eingeladen – digital und super vorbereitet und geleitet, front- und backstage. Besonders angetan bin ich natürlich über die multikonfessionelle Kooperation der weiteren Veranstaltungsträger, aus denen zwei Mülheimer Verbands-Gemeinden in Hamburg und das kath. Erzbistum hervorstechen, zu dem ja auch meine Stadt und das Bistum Osnabrück gehören. Weiter so!

Mit einem Workshop war auch St. Anton aus Kempten im Allgäu vertreten, die schon seit geraumer Zeit ein Zellgruppen-Modell praktiziert, das gerade im freikirchlichen Kontext vom [Forum Wiedenest, der K5-Leiterschulung (4.000 haben teilgenommen!) und dem Baptisten Roberto Bottrel)] vorangetrieben wird.

Was macht die Kirche und den Glauben in und nach der Krise aus? Teilnehmern fällt auf, dass „das konfessionelle Gegeneinander“ obsolet wird. Dass wir uns mehr auf die Frucht (eines Weinstocks…) konzentrieren sollten, statt „ein grandioses Blattwerk“ zu bevorzugen (ich denke da an Mega-Multisite-Gemeinden und Pfarreien, Willow-Creek und andere Riesen-Kongresse, Praise & Worship statt Diakonie und Vieles mehr, was wir halt bisher gerne so gemacht haben). Überhaupt Diakonie: „Wir lassen Kinder ertrinken, aber retten unsere Kathedralen!“ legt  Poetry-Slammer Florian Stielper den Finger in die Wunde christlicher Selbstbezogenheit. Interessant ist die [„Regnose“ des Zukunftsforschers Mathias Horx] vom März 2020, die sich in diesem Zusammenhang lohnt, jetzt gelesen zu werden.

[Tobias Faix], den ich besonders schätze, konstatiert: „Wir merken und lernen: Kirche ist veränderbar!“ Es wäre ja auch schlimm, wenn es nicht so wäre. Und die es nicht wollen, werden mitsamt ihrem Kirchenverständnis des 19. Jhdts. untergehen. Schiffbruch erleiden wir ja angesichts der Austrittszahlen schon jetzt mehr als genug, was im Übrigen dem „Modell Freikirche“ keinen Wachstumsschub beschert. Faix meint: „Die Digitalisierung zwingt uns zu unserem Glaubensglück“. Ich würde es zwar etwas anders formulieren, gehe aber mit ihm d’accord. Er stellt drei Thesen auf:

  1. Den Sonntagsgottesdienst 1:1 zu streamen, macht noch lange nicht die Kirche der Zukunft aus. Kirche ist ja viel mehr als Liturgie, und viele Gemeinden, die das mehr schlecht als recht geschafft haben, kehren gerade sehr schnell wieder zur gehabten Praxis zurück, wenn auch unter Hygiene-Maßnahmen. Das heißt, wer dann nicht zum Gottesdienst kommt, hat halt Pech…
  2. Gemeinden, die digital dran bleiben, merken, dass das Internet neue Kommunikationsformen hervorbringt, in Chats, Workshops, online-Meetings, online-Tools fürs Gebet (auch zu dritt!), mehr Telefonaten, mehr open Air. Die Seelsorge muss dem auch theologisch gerecht werden, denn sie ist ja für die Menschen da und nicht umgekehrt. Das Evangelium muss immer in die Lebenswirklichkeit übersetzt werden – Translation!
  3. Damit aber nicht genug: Es bilden sich aus unkonventionellen Methoden ganz neue Formate, bis hin zu dem, was wir unter „Gemeinde“ verstehen. Glaubensdienst, Gottesdienst und geschwisterlicher Dienst (die klassischen Grundfunktionen der Kirche: Martyrie/Verkündigung, Liturgie und Diakonie/Caritas) entwickeln neue Strukturen (jenseits aller traditionellen oder modernen Hierarchien!) mit gesellschaftlicher Relevanz: Transformation! (Am besten fange ich damit sofort bei mir selber an…)

Ein wesentliches Handwerkszeug, Tool zur Transformation ist der Alphakurs. Er war ein [Highlight zu Beginn meines ganz persönlichen Transformationsprozesses] (man kann das auch Neu-Bekehrung nennen). Dieser Basiskurs für Nicht-Glaubende und Erneuerungskurs für Getaufte ist ganz neu produziert und hervorragend deutsch synchronisiert worden. Mit neuen Videoclips, und, wer nicht selbst referieren möchte, mit neuen ca. 30-minütigen Impulsen für Kleingruppengespräche. Für Jugendliche (bis 18) gibt es einen Extrakurs, „bei dem mehr explodiert und die Musik lauter ist“, wie es in der Vorstellung beschrieben wurde. Für Firm- und Konfigruppen eine sehr solide Möglichkeit, das Wesentliche des Glaubens kennenzulernen und vor allem: zu erleben! (Beim [Leipziger Katholikentag] konnte ich engagierte junge Leute aus Detmold live erleben.)

So drehte sich der Nachmittags-Teil der online-Konferenz hauptsächlich um Alpha und diverse Workshops zu methodischen Fragen. Dass Alpha auch ein Einstieg zu oder ein Weg mit Zellgruppenarbeit ist, kam dabei nicht zu kurz. Und: Auch Alpha ist multikonfessionell! Ja – konfessionelles „Durcheinander“ eines Kurses gibt ein Stück Pfingsten sehr gut wieder. Und er birgt auch noch ein Geheimnis, über dessen Konsequenz ich vielleicht einmal später offen sprechen möchte. Seine Wirkung ist jedenfalls in meinen Augen seit Jahren frappant.

Jesus hat in Joh. 17, 21 sehr deutlich gesagt, was die Grundlage der Glaubwürdigkeit kirchlicher Verkündigung in unserer Zeit ist. In diesem Punkt sind wir alle (!) furchtbar unbiblisch. Für Ökumene müssen Christen sich nicht rechtfertigen. Warum wir immer noch konfessionalistisch glauben und Gemeinde bauen, schon! Das halte ich allen Gemeindebau- und -wachstums-Initiativen vor. Dass wir Erweckung nur in homöopathischen Dosen erleben, hat hier seinen Grund. Yassir Eric hat dies in einer Predigt mit dem Glaubwürdigkeitsverlust in Nordafrika verglichen. Weil die Kirchen zerstritten waren, konnte der Islam dort so gut Fuß fassen. Eric war mal im Sudan ein glühender Christenverfolger.

[Alpha-online] kann jetzt jede/r ausprobieren und zum Reinschnuppern einfach einen Kurs irgendwo im deutschen Sprachraum mitmachen, der terminlich passt. (Beim Verfassen dieses Blogs habe ich eine Liste bei Alpha-online noch nicht gefunden. Also per Mail anfragen: info(at)alphakurs.de) Und dann vor Ort damit anfangen, mit einem multikonfessionellen Team! Auch Alpha wandelt sich: online ist gemeinsames Essen nicht möglich. Wie man dennoch Gemeinschaft erleben kann, da ist die Phantasie der lokalen Performer gefragt. Ich habe immer schon mal von „Alpha am Nachmittag“ mit uns Greyheads geträumt. Aber jetzt muss selbst eine Tasse Kaffee nicht zwingend sein. Ob das mit dieser Zielgruppe online geht – vielleicht wäre es ein Projekt im Miteinander der Generationen? Alpha für Großeltern, mit ihren Enkeln…

Wir müssen [Trampelpfade freitreten], in der Glaubensverkündigung wie beim [multikonfessionellen Gemeindeformat]! Stellen wir unsere Hauptamtlichen vor vollendete Tatsachen!

Fazit: Mein „Next-Normal“

„Alpha-Online“, „Attractive Online Cellgroups“ und das online-Format des Leben-im-Geist-Seminars „Leben aus der Kraft des Heiligen Geistes“ der Charismatischen Erneuerung in der kath. Kirche (CE) weisen sehr starke methodische Schnittmengen auf, was kein Zufall ist. [lebenimgeistseminar.de, 04.10.–15.11.2020 So. von 18:30–20:30 Uhr, bei Anmeldung Kleingruppen] Hier ist der Geist Gottes in Aktion zu sehen! Kirche der Zukunft besteht aus einem Netzwerk kleiner Zellgruppen, die sich immer wieder gesteuert teilen. Auf die Pastoralteams kommen hier erhebliche Mentoring-Kompetenzen zu, sowie Leiterschulungen. Das [Modell K5 der Kirche für Oberberg] haben im ersten Durchlauf 4.000 Gemeindemitglieder aus dem deutschen Sprachraum mitgemacht. Landeskirchen und Bistümer sollten auf diesen bereits rollenden Zug aufspringen und aktiv unterstützen. Zur CVJM-Hochschule Kassel, zur Gemeinschaftsbewegung und weiteren Erneuerungs-Initiativen bestehen von Anfang an personelle Querverbindungen.

Ob Zellgruppen-Netzwerke in einer Stadt ein (bauliches) Zentrum haben sollten, bleibt erst einmal offen. Vielleicht können Kirchen und Gemeindezentren genutzt werden, die sonst entwidmet werden würden. (Ein Dom, umgebaut zu einem großen „Gebetshaus“?) Auch, ob das Kongress- und Kirchentags-Format weiterhin zukunftsfähig ist, möchte ich noch nicht festklopfen.

Sollen sich Zellgruppen zum „analogen“ Sonntagsgottesdienst treffen? Das wäre ein Vor-Corona-Modell der „Kleinen Christlichen Gemeinschaften“ aus Südafrika und von den Philippinen, das es hier und da (eher halbherzig) gibt. Vielleicht braucht es eine Übergangszeit mit gehörigem Abstand zur bisherigen Praxis. Eucharistie/Abendmahl kann man auch in kleinen Gruppen feiern, wie Viele gemerkt haben und auch weiter praktizieren – als „Couchtisch-Messe“ ängstlich beäugt von traditionellen Theologen. Klar, auch das herkömmliche Amtsverständnis ist damit ausgehebelt, und der Konfessionalismus gleich obendrein. Aber hatten wir sie denn in den ersten Jahrhunderten der Kirche, die unter Verfolgung überlebt hat? Deren Überlebens-Strategien lassen sich doch erforschen. „Gründet Hauskirchen!“ lautete schon 2017 der Appell von Bischof Algermissen beim [50-jährigen Jubiläumstag der CE] vor 500 Engagierten in Fulda. Selbst eine CE tut sich mit einem solchen Aufbruch schwer. „Ohne Ängste und Beschränkungen vorangehen“ [EG 33] , als erste [„Primerar“] neue Wege beschreiten – diese Motivation des Bischofs von Rom bleibt bei mir ungebrochen und nimmt mir die Furcht vor Grenzüberschreitungen. Ein allerorten schlüssiges Rezept gibt es nicht. Kirche der Zukunft bleibt ein bunter Haufen.

Wie geht es mir nach der online-Konferenz? Sie war anspruchsvoll und herausfordernd – „anstrengend“ würde ich nicht sagen. Ich möchte ja nicht ermüden. Online ist es viel konzentrierter, das merke ich auch bei lokalen online-Treffen. Wir sind meist „eher fertig“ als früher. Klar: Es fehlen der Smalltalk, die Pausengespräche, die Briefings zwischen Tür und Angel. Insofern habe ich das Gefühl, mit diesem Tag, der ja nur von 10 bis 16 Uhr dauerte, eine ganze Wochenend-Tagung absolviert zu haben. Schon jetzt zeigt sich: Eine Alpha-online-Einheit soll nicht viel länger als eine gute Stunde dauern, sonst überfordert es. Konzentration auf das Wesentliche – auch das ist eine Chance der Digitalisierung. Auch wir Greyheads müssen lebenslang dazulernen. Wie könnten wir es sonst glaubhaft von den Youngsters einfordern?